Archiv für Mai 2010

Vandalismus am Wolfsbrunnen

Die Mitglieder des Freundeskreis Wolfsbrunnen e.V., die seit fünf Jahren das Gelände am Wolfsbrunnen pflegen, stellten am Wochenende fest, dass eine der von Mitgliedern gespendeten Schlangenbänke mit roher Gewalt beschädigt und außerdem ein Schachtdeckel am Teichauslauf entfernt wurde!

bankjpeg-495.jpg

!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Wie bringt man ein Klavier auf eine Linde?

dsc_0001-495.jpg

Gerhard Kaiser

Einer der vielen begeisterten Wolfsbrunnen-Besucher, der Dichter August Friedrich Ferdinand von Kotzebue, berichtete 1803, dass man die unteren Zweige der Linden am Wolfsbrunnen so ineinander verwachsen ließ, dass man in den Baumwipfeln einen Fußboden verlegen konnte. Dort habe man, durch dichtes Laub beschattet, Kaffee und Tee getrunken, Strümpfe gestrickt, getanzt und gesungen. Zeitweise hätte man sogar ein Klavier dort oben aufgestellt!

Wirklich??? - So recht geglaubt hatten das die zwei Dutzend Besucher des WolfsbrunnenAbends im Mai bisher nicht. Aber Gerhard Kaiser, der im Jetta-Saal über „Tanzlinden“ referierte, konnte sie in einem faszinierenden, gut recherchierten und bebilderten Vortrag davon überzeugen, dass der 1897 in Mannheim erstochene Dichter die damalige Situation am Wolfsbrunnen richtig beschrieben hat.

Noch heute gibt es eine bedeutende Anzahl von Tanzlinden, vor allem in Thüringen und Franken, die von Freundeskreisen und Heimatvereinen gepflegt und betreut werden und Zeugen einer jahrhunderte alten Tradition sind.

gk-grettstadt-495.jpg

Tanzlinde in Grettstadt

gk-unterschefflenz-495.jpg

Tanzlinde in Unterschefflenz

:: Bild groß ::

Die Linde, ein europäischer Charakterbaum! Gerhard Kaiser verfolgte ihre Geschichte und Bedeutung von der Antike bis heute, verwies auf die zahllosen Orte und Straßen, die nach ihr benannt sind, sowie auf Dichtung, Lied und Kunst, die die Linde als besonderen Baum preisen. Sogar eine TV-Serie trägt ihren Namen…

Um Bast zu gewinnen, wurden die nach oben sprießenden Wasserreiser der Linde immer wieder abgeschnitten, so dass oft eine breite und ausladende Wuchsform entstand, die sich wie ein Riesenschirm über den Platz spannte, viel Schatten spendete und sich deshalb ideal als Dorf- und Gerichtslinde eignete. Auch als Tanzlinde. Denn es lag nahe, die waagrechten starken Äste durch achteckige Holz- und Steingerüste zu stützen und zu formen, bis sie nach vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten die Unterlage für Zwischenböden bildeten. Im Sommer mit Bohlen, Brettern und Leitern versehen, entstanden luftige und schattige Räume - oft sogar mehrstöckig, eine Art „Baumhaus“, das sich an lauen Sommerabenden herrlich nutzen ließ!

gk-effeltrich-495.jpg

Tanzlinde in Effeltrich

gk-peesten1-495.jpg

Tanzlinde in Peesten

gk-peesten2-495.jpg

Gerhard Kaiser zeigte zahlreiche Fotos von Tanzlinden, die er über Jahre aufgesucht und fotografiert hat. Bereits 1508 zeigt eine französische Handschrift eine drei-stöckige Tanzlinde. Auch in den Gemälden der Breughels finden wir solche Darstellungen. Ein Foto von 1919 zeigt noch den Tanz um die Dorflinde in Heidelberg-Handschuhsheim.

Dass die gesellige Freundeskreisrunde sich noch lange über besonders schöne Linden in Heidelberg und Umgebung austauschte, dass ein Gedichte zum Thema vorgetragen und zuletzt gemeinsam „Am Brunnen vor dem Tore“ gesungen wurde, zeigte das rege Interesse an diesem originellen Vortrag, der uns allen neue Erkenntnisse brachte.

Zu gerne würden wir die Pflanzung und Gestaltung einer Tanzlinde am Wolfsbrunnen in unser Vereinsprogramm aufnehmen, aber es dauert uns zu lang! Denn die von Gerhard Kaiser gezeigten Tanzlinden waren alle mehrere hundert Jahre alt…

gk-wobru-495.jpg

Linden am Wolfsbrunnen

Am Brunnen vor dem Tore… Tanzlinden

1750-ansicht-495.jpg

EINLADUNG

Am Brunnen vor dem Tore …
Tanzlinden
Vortrag von Gerhard Kaiser

1750-detail-15.jpg

Freitag, 28. Mai 2010, 19:30 Uhr

1750-detail-15.jpg

Wolfsbrunnen-Gaststätte, Jettasaal
Wolfsbrunnensteige 15
69118 Heidelberg-Schlierbach

1750-detail-15.jpg

„…Ihre Zweige waren so dicht ineinander verwachsen, dass man sich ihrer, wie des Fußbodens, zum Gehen bediente, dass man Tische und Stühle darauf setzen und in der grünen Dämmerung in fröhlicher Weise verkehren konnte. Die fremden Damen – so erzählten die Nachbarn – saßen oben in den Bäumen mit Büchern und Strickstrümpfen, oder ließen gar ein Klavier darauf stellen, die Herren lauschten mit Flöten in den dickbelaubten Ästen; unter der kühlen Nacht wurde Kaf-fee und Thee gekocht; der Quell murmelte heimlich und unsichtbar hinter der grünen duftenden Wand…“

So beschreibt der Dichter August von Kotzebue 1803 die herrlichen Linden um den Wolfsbrunnen. Wir wollen versuchen, es ihm nachzuempfinden.

1750-detail-15.jpg   1750-detail-15.jpg   1750-detail-15.jpg   1750-detail-15.jpg   1750-detail-15.jpg

Unsere Freude ist übergroß!!!

Jetzt ist es offiziell: der Wolfsbrunnen hat wieder eine Zukunft!

“Eine ganz neue Chance für den Wolfsbrunnen - Die Nachbarn und Freunde haben gesiegt: Gemeinnützige GmbH Wolfsbrunnen bekommt den Zuschlag für die Traditionsgaststätte”, so betitelt heute die Rhein-Neckar-Zeitung die neuesten Nachrichten vom Wolfsbrunnen.
eine-ganz-neue-chance-fuer-den-wolfsbrunnen-2010-05-12.pdf
(Die frohen Botschaften finden Sie auch im “Korb”.)

Unsere Freude ist übergroß!!!

Und weiter geht’s…

1620-ansicht2-vogelsang-75.jpg

Freundeskreis Wolfsbrunnen e.V.
Der Verein mit dem besonderen Engagement

Solange sie noch singen

vogelwanderung2-495.jpg

Bei seiner Vogelwanderung rund um den Wolfsbrunnen verband Prof. Dr. Volker Voigtländer den Vormittagsspaziergang mit einer Schulung unserer Ohren. Am Eingang des verwaisten Gasthauses brüten nun schon im zweiten Jahr Zaunkönig und Blaumeisen. Das Piepsen des Nachwuchses, der alle paar Sekunden von den Eltern mit Nahrung versorgt wurde, war in dieser stillen Morgenstunde gut zu vernehmen.

Überhaupt zeigte sich uns der Wolfsbrunnen von einer ganz anderen Seite. In kurzer Zeit hörten wir die Rufe und den Gesang vieler Arten, die uns Prof. Voigtländer mit großer Detailkenntnis vorstellte. Wer von uns konnte vor diesem Tag den „Regenruf“ des Buchfinks von seinen sonstigen Rufen unterscheiden? Nun können wir es!

vogelwanderung1-495.jpg

Die laute Stimme des Zaunkönigs, der sich am Wolfsbrunnen hörbar wohl fühlt, werden wir nun nicht mehr vergessen, denn er ließ sich an allen Ecken hören. Das gilt auch für das Rotkehlchen, das überall wo wir hin kamen, sein Revier akustisch markierte. Kleiber, Schafstelze, Zilpzalp, eine ganze Bande von Rabenkrähen, Mäusebussard, Mönchsgrasmücke, Kohlmeise, ja sogar ein schreckendes Reh vernahmen wir. Einige verwechselten diesen lauten Ruf mit Hundegebell, das wird ihnen nun nicht mehr passieren…

Neben diesen schönen Erlebnissen und Sinneserfahrungen wurden auch jene Arten angesprochen, die in den letzten Jahren aus unserer Flur verschwunden sind, z.B. die Laubsänger, Fliegenschnäpper, Gartenrotschwanz, Wiedehopf, Pirol und Steinkauz.

Wir waren uns einig, dass eine Vogelwanderung mit dem Experten Prof. Voigtländer zukünftig zum Jahresprogramm des Freundeskreise gehören sollte.

detail-50.jpg

Pieps!

Im Wald und auf der Heide…

…und am Wolfsbrunnen wurde schon immer der Jagdlust gefrönt.

Einen weiträumigen Streifzug durch die jagdlichen Gefilde unternahm Prof. Dr. Frieder Hepp am 30. Mai mit dem Freundeskreis im vollbesetzten Jettasaal:

„…sonst wird dich der Jäger holen!“
Bemerkungen zur Jagd in Geschichte und Kunst

hepp-495.jpg
Prof. Dr. Frieder Hepp

„Der Jagdtrieb ist neben dem Sammeltrieb - seit der Vertreibung aus dem Paradies - in uns Menschen wirksam“, begann der Leiter des Kurpfälzischen Museums seinen Ritt durch die Kunstgeschichte von einer Jagdszene zur anderen.

Kein Jäger und keine Jägerin aus der klassischen Mythologie und der abendländischen Kulturgeschichte wurden von dem Kunsthistoriker übersehen: Apollo, Artemis oder Diana, Orion, Meleager, Atalante und Aktaion… Ihre Jagden und ihr oft schreckliches Ende wurden von Prof. Hepp am Beispiel vieler Gemälde und Skulpturen aufgezeigt und interpretiert.

rubensschule-495.jpg
Rubensschule, Meleager und Atalante - Jagd auf den kalydonischen Eber, um 1650

Die freie Jagd fand ihr Ende, als sie unter Karl dem Großen zum königlichen Vorrecht und Vergnügen wurde. Das hatte Folgen: Wildgehege wurden angelegt, Hierarchien des Jagdpersonals gebildet und Grundlagen für die Entwicklung in Jagdrecht und Jagdwesen geschaffen. Dabei wurde auch geregelt, wer das Hochwild - Hirsch und Auerhahn - jagen durfte und wer sich mit dem Niederwild - Rehen, Enten und Kaninchen - begnügen musste!

durer-495.jpg
Albrecht Dürer, Der heilige Eustachius, um 1500

Der Galopp durch die Geschichte der Jagd ging weiter, streifte das berühmte Falkenbuch des Staufers Friedrich II., die höfischen Parforce-Jagden in Frankreich, die Jagdheiligen Eustachius und Hubertus, die respektablen Jägerinnen Liselotte von der Pfalz und Elisabeth Auguste, die Heidelberger Kurfürsten mit ihrer Jagd als repräsentativem Fest, die Aufhebung alter Jagdprivilegien seit der Französischen Revolution, die zunehmende Wilderei im 19. Jahrhundert, die Schieß- und Trophäensucht von Kaiser Wilhelm II., die Selbstdarstellung zeitnaher Politiker wie Göring, Strauss, Honecker, Putin…

Köstlich die Anekdote über den Erwerb und Umbau, die Ausstattung und den Verbleib des Jagdwagens von Erich Honecker! Oder die von Hermann, dem nach Göring benannten Waschbär, und seinem traurigen Ende!

eicher-495.jpg
Margret Eicher, Nach der Jagd, 2008, Tapisserie/Jaquard

Mit solch trefflich ausgewählten Anekdoten und Bildbeispielen aus Vergangenheit und Gegenwart - auch zur Jagd am Wolfsbrunnen - bereichete Prof. Hepp seinen glänzenden Vortrag.

Wer wusste schon in unserem Kreis, dass Kurfürst Karl Ludwig 1790 zum Anlocken von Studenten an die kümmernde Universität „Studentenjagd“ in einigen Heidelberger Forsten erlaubte? Und wer kannte den Augsburger Tischbrunnen von 1575 aus dem Kurpfälzischen Museum, der die Jetta mit den Wölfen zeigt?

Es war ein WolfsbrunnenAbend mit einem Feuerwerk an Information und Unterhaltung zum Thema Jagd in der Kulturgeschichte. Ein Abend, an dem man sich sehnlichst wünschte, dieser Ort wäre bald wieder behaust.

schadel-100.jpg