Archiv für Oktober 2013

Marathon durch die Kirchengeschichte

Der Sonntagmorgen stand ganz im Zeichen des Marathons: während die Zuschauermenge entlang der Hauptstraße die Läufer auf der Zielgeraden zum Uniplatz anfeuerte und beklatschte, folgten wir der Gästeführerin Petra Anuschek-Vogelsang beim Marathon durch die Heidelberger Kirchengeschichte.

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Bis September war im Kurpfälzischen Museum und auf dem Schloss die Jubiläumsausstellung „Macht des Glaubens“ zu sehen. Anlass war der „Heidelberger Katechismus“, der vor 450 Jahren auf Initiative des Kurfürsten Friedrich III herausgegeben und weltweit verbreitet wurde. Das war 1563, in einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung.

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Portrait: Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz

Petra Anuschek-Vogelsang gab zunächst einen Überblick über die Kurlinien und Regenten im 16. und 17. Jahrhundert von Ottheinrich, Ludwig VI, Johann Kasimir, Friedrich IV bis Friedrich V, sowie über deren jeweilige Glaubensausrichtung – Luthertum und Calvinismus wechselten in rascher Folge, wurden eingeführt und wieder abgesetzt mit allen Konsequenzen. Nach der Eroberung der Stadt durch Tilly 1622 wurde Heidelberg zwangsweise katholisch.

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Petra Anuschek-Vogelsang zeigt Doppelportrait: Kurfürst Friedrich V von der Pfalz und Elisabeth Stuart

Die Reformation hinterließ ihre Spuren – im Schloss verewigten sich die meisten Kurfürsten durch neue Bauten, die ihren Namen tragen und ihre Gesinnung spiegeln. „Gibt es eigentlich eine protestantische Architektur?“, fragte jemand. Unsere Glaubensexpertin gab ein Beispiel: das „Haus zum Ritter“. Im Giebel des Renaissencegebäudes steht in goldenen Lettern SOLI, DEO, GLORI – Nur Gott allein die Ehre, das Credo des Protestantismus. Aber auch die Fassadenbilder zeugen von einem reichen, selbstbewussten und stolzen Bürgertum, wie das für Protestanten üblich war.

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Haus zum Ritter

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Dreikönigstraße

Auch andere Aspekte der Heidelberger Kirchengeschichte wurden beleuchtet. So machten wir Halt in der Dreikönigstraße, wo im Haus Nr. 25 Thomas Erastus wohnte, ein Schweizer. Er war nicht nur der Leibarzt des Kurfürsten Ottheinrich von der Pfalz und gleichzeitig Medizinprofessor an der Universität Heidelberg, er war auch reformierter Theologe, der sich provokativ in das Religionsleben einmischte – rechtzeitig kehrte er nach Basel zurück. Andere Provokateure wurden auf dem Marktplatz im Schatten der Heiliggeistkirche hingerichtet!

dsc_0163-nb495.jpgHeiliggeistkirche

Ein Sonntagmorgen reicht natürlich bei weitem nicht, um die kirchengeschichtlich relevanten Bauten und Plätze in Heidelberg zu besuchen und ihrer Bedeutung gerecht zu werden. Deshalb hoffen wir auf eine Fortsetzung des Marathons mit Petra Anuschek-Vogelsang…

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Wappen der Kurfürsten
neben der katholischen Jesuitenkirche
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Der Wolfsbrunnen ist jetzt winterfest

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Bei goldenem Oktoberwetter (der frühe Morgen war noch nicht so golden…) hat der Freundeskreis Wolfsbrunnen am vergangenen Samstag die 14te WolfsbrunnenWerkstatt durchgeführt – wie immer in Kooperation mit dem Team vom Landschaftsamt der Stadt Heidelberg. Auch Mario vom Schlierbacher Institut für Heilpädagogik und Erziehungshilfe kam wieder mit seinen Zöglingen, um uns bei den umfangreichen Arbeiten im Gelände zu unterstützen.

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An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für die regelmäßige und zuverlässige Mitarbeit von Stadt und Institut. Aber auch allen anderen Helferinnen und Helfern – manche waren zum ersten oder zweiten Mal dabei – unseren großen Dank!

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Was stand bei der WolfsbrunnenWerkstatt Nr. 14 auf dem Programm?

Standardmäßig wurde der Knöterich reduziert, möglichst mit der Wurzel ausgerissen; denn das brachte bisher viel Erfolg. Das Augenmerk bei der Werkstatt Nr. 14 lag aber vor allem auf dem Freischnitt der Hänge und Wegkonturen einerseits – der Reinigung, Pflege und Wintervorbereitung des Biotops andererseits. Dabei entstand jede Menge Grünschnitt. Zusammentragen, aufladen, abtransportieren… danach die Wege säubern - für alle, Profis und Laien, gab es also wieder viel zu tun!

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Nach dem Fototermin endlich das verdiente Mittagsmahl an der traditionellen langen Wolfsbrunnen-Tafel: herbstlich ausgerichtet mit Kürbissuppe à la Kathrin - danke! - und frisch geräucherten Forellen von Bernd Moser’s Forellenzucht im Tal. Dank auch an Frau Koenemann, der „Kuchenfee“, die uns die 14te WolfsbrunnenWerkstatt wieder versüßt hat – und nicht zu vergessen: danke den „guten Geistern“ im Hintergrund, die zum Gelingen beigetragen haben!

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Macht des Glaubens

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E I N L A D U N G

Macht des Glaubens
450 Jahre Heidelberger Katechismus

Stadtführung zur Heidelberger Religionsgeschichte
mit Petra Anuschek-Vogelsang

Sonntag, 27. Oktober 2013, 11 Uhr
Treffpunkt am Herkulesbrunnen auf dem Heidelberger Marktplatz

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Der Heidelberger Katechismus

Mit dem Erscheinen dieses unscheinbaren Büchleins verbindet sich eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung und Sinnsuche, die das 16. und 17. Jahrhundert prägte. Heidelberg mit seiner zur höchsten Blüte entwickelten Hofhaltung und der Universität bildet ein geistiges Zentrum des europäischen Calvinismus. Petra Anuschek-Vogelsang führt uns zu den Stätten, die eng mit der Entstehung und Wirkung dieses Werkes in Heidelberg verbunden sind.

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Wolfsbrunnen-Werkstatt Nr. 14

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Liebe Wolfsbrunnen-Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

in der Hoffnung, dass Ihre Begeisterung für den Wolfsbrunnen trotz Baumaßnahmen nach wie vor groß ist und vom Optimismus genährt wird, möchten wir alle Freunde dieses Ortes zur

WOLFSBRUNNEN-WERKSTATT Nr. 14
Samstag, 26. Oktober 2013, ab 9.00 Uhr

einladen.

Wie in all den vorangegangenen Wolfsbrunnen-Werkstätten werden wir gemeinsam mit dem Landschaftsamt der Stadt Heidelberg die begonnene Pflege an Baum, Strauch und Kraut fortsetzen. Ziel ist, im Tal die naturgegebene Geländemodellierung und die stimmungsvollen Blickbeziehungen zu erhalten bzw. wieder herzustellen.

Die Tradition fordert, dass wir uns - wie bei allen Wolfsbrunnen-Werkstätten - um 12.30 Uhr zu einem leckeren Wolfsbrunnen-Eintopf à la Jetta mit herbstlichen Zutaten treffen. Danach geht’s weiter - so lange und so intensiv, wie man mag. Zwischendrin kann sich jeder an mitgebrachtem Kuchen und Kaffee stärken.

Zum Abschluß noch zwei Dinge:
:: Gäste zum Aufmuntern und zum Mitspeisen sind herzlich willkommen.
:: Auch die Wolfsbrunnenwerkstatt Nr. 14 wird wieder ein tatkräftiges Beispiel bürgerschaftlichen Engagements zur Erhaltung eines Heidelberger Kulturgutes werden.

Frohes Schaffen garantieren wir.

Freundeskreis Wolfsbrunnen e.V.
Der Verein mit dem besonderen Engagement
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Mensch und Vogel – eine uralte Beziehung

Der Schneider von Ulm

„Bischof, ich kann fliegen“,
sagte der Schneider zum Bischof.
„Pass’ auf, wie ich’s mach’!“
Und er stieg mit so ‘nen Dingen,
die aussahn wie Schwingen
auf das große, große Kirchendach. …

(Bertold Brecht)

Was ist es, was den Menschen von alters her mit dem Vogel verbindet? Ist es der Traum vom Fliegen? Ist es die Ästhetik der Flugbewegung, das Gesangsrepertoire der Vögel, die Schönheit ihres Gefieders? Welches Geheimnis umgibt sie…?

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Hans-Martin Gäng
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Hans-Martin Gäng unternahm in seinem neuen Projekt „Vögel in Darstellungen der europäischen Kunst“ eine Zeitreise durch die Menschheitsgeschichte und belegte in seinem Vortrag anhand von zahlreichen zwei- und dreidimensionalen Vogeldarstellungen die uralte Beziehung von Mensch und Vogel, von der Eiszeit bis heute.

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Alpenschneehuhn auf einem Rentiergeweih, Isturitzhöhle/Pyrenäen, ca. 32 000 Jahre alt, Exponat der diesjährigen Ausstellung „Ice Age art“ im British Museum/London. Gemälde: Alpenschneehuhn, Archibald Thorburn, 1902
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Die riesige Vogelschar der Kunstgeschichte gruppierte Hans-Martin Gäng in Themenbereiche. Da gibt es zum Beispiel den Vogel in Mythos und Religion. Schamanen tragen Vogelmasken und Federschmuck bei ihren Zeremonien. In der Höhle von Lascaux, am Abstieg zum Brunnen, entdeckte man eine rätselhafte Szene mit mythologischem Bezug, in der unter anderem ein Mann mit Vogelkopf und ein Gegenstand mit einem Vogel und zu erkennen sind.

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Frühe steinzeitliche Darstellung in der Höhle von Lascaux
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Gänse von Meidum (Ausschnitt)
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Eine etwa 3500 Jahre alte ägyptische Darstellung zeigt naturgetreue Abbildungen von Rothalsgänsen in der Meidum-Grabstätte der Itet, Gemahlin des Nefermaat, der Wesir des ägyptischen Köngs Snofru war.

Geflügelte Fabelwesen bevölkern die griechische Mythologie. Auf Vasen und Mosaiken findet man Harpyien, weibliche Gestalten mit Flügeln und Vogelkrallen, die die Sturmwinde verkörpern - oder die stymphalischen Vögel, gefährliche Ungeheuer aus Eisen, deren Vertreibung eine der zwölf Herkulesaufgaben war.

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Oberrheinischer Meister, Das Paradiesgärtlein, 1410/20
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Der Vogel ist Bedeutungsträger. Ob Adler, Rabe oder Schwan, Pelikan, Pfau oder Hahn – sie alle versinnbildlichen menschliche Eigenschaften, Tugenden und Laster. Doch so einfach ist die Zuordnung nicht. Oft gibt es mehrere oder widersprüchliche Deutungen, die man erst im Kontext des Bildes verstehen kann.

Das mittelalterliche „Paradiesgärtlein“, kann man als eingefriedeten Lust- und Nutzgarten sehen, auf dessen Zinnen sich Wiedehopf, Eisvogel, Blaumeise, Gimpel und Pirol tummeln. Hier scheint die Welt in Ordnung zu sein. Würde man Fledermäusen, einem Uhu oder Raben begegnen, wäre man gewarnt.

Geht es um Allegorien, denkt man gerne an die originellen Portraits von Guiseppe Arcimboldo. Der Renaissencemaler schuf ein Luftbild, das sich aus einem Vogelschwarm zusammensetzt.

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Guiseppe Arcimboldo, Die Luft, 1566
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Joseph Wright of Derby, Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe, 1768
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Neben symbolischen Vogeldarstellungen zeigte Hans-Martin Gäng auch wissenschaftliche Versuchsanordnungen, wie sie Joseph Wright of Derby in einem seiner Nachtbilder erstmals inszenierte.

Es folgten Jagdszenen und Beispiele aus dem Falkenbuch von Kaiser Friedrich II, Vögel in der Heidelberger Liederhandschrift Codex Manesse und Vögel als Wappentiere… eine Vielfalt an Darstellungen und Interpretationen quer durch die Jahrhunderte!

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René Magritte, La grande famille, 1961
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Kenntnisreich und humorvoll servierte Hans-Martin Gäng seine Vogelgeschichten, das Publikum im vollbesetzten Saal des Bürgerhauses war begeistert – ob jetzt noch jemand unbefangen eine Ausstellung besuchen kann, ohne einen leisen Flügelschlag zu hören…?

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Pablo Picasso, Colombe Bleue, 1961
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