Orte der Begegnung

Es war vor etwa einem Jahr, als wir bei unserem Arbeitseinsatz am Wolfsbrunnen mit einem neugierigen Passanten ins Gespräch kamen. Wir luden ihn zu unserer traditionellen Mittagssuppe ein, setzten das Gespräch fort – und zu unserer Überraschung stellte sich heraus, dass dieser Gast nicht nur ein Kenner des Wolfsbrunnens, sondern auch des benachbarten Stifts Neuburg war. Eine Begegnung mit Folgen…

je-495.jpeg
Prof. Dr. Jürgen Egyptien

…denn so kam es, dass wir Prof. Dr. Jürgen Egyptien als Referenten für einen WolfsbrunnenAbend gewinnen konnten, den wir am 30. Oktober 2011 gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt, dem Heidelberger Geschichtsverein und dem Freundeskreis Stift Neuburg in der Aula von Stift Neuburg durchführten.

Prof. Dr. Jürgen Egyptien, Germanist an der RWTH (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule) Aachen und Verfasser des „Spuren“-Hefts „Stefan George auf Stift Neuburg“ (Deutsche Schillergesellschaft Marburg am Neckar), berichtete von den Jahren um 1910, als Stefan George und sein Kreis oft Gäste von Alexander von Bernus waren, dem damaligen Besitzer des Stifts.

Abt Heeremann konnte unter den zahlreichen Zuhörern auch eine Tochter von Alexander von Bernus begrüßen. Hans-Martin Gäng gab in einer Einleitung einen vergleichenden Überblick über die wechselhaften Schicksale der beiden Erinnerungs- und Begegnungsorte der Heidelberger Kultur- und Geistesgeschicke (Stift Neuburg und Wolfsbrunnen) und freute sich, dass diese beiden „magischen Orte der Heidelberger Romantik“ aus ihrem „Dornröschenschlaf“ erwacht sind.

Prof. Dr. Jürgen Egyptien schilderte – unterstützt durch viele Bilder – die heitere Geselligkeit einer hoch gestimmten Gruppe ideal gesinnter Menschen, die sich hier am Vorabend des Ersten Weltkriegs bei einem großzügigen Gastgeber trafen, spät aufstanden, im eigens angelegten Schwimmbad (!) im Garten badeten, die Sonne und das Neckartal auf der Terrasse genossen, zeichnend und malend den Nachmittag verbrachten und sich bis spät in die Nacht mit Schicksalsfragen und Gesprächen über die Kunst, Gott und die Welt beschäftigten.

Spiritistische Übungen mit Tischrücken und Geisterbeschwörungen fanden damals großes Interesse. In der „George-Zelle“ und auf dem nächtlichen Flur wurden Stimmen und ein Rumpeln gehört, selbst nach einem versteckten und geweissagten Schatz wurde gegraben. Zum Auftreten des Halley`schen Kometen 1910 wurden Schattenspiele und Szenen gestaltet. Mittelpunkt der Treffen war der charismatische Dichter Stefan George, der alle Anwesenden in seinen Bann zog und das Tagesprogramm dominierte.

Der Referent, aber auch die Tochter von Alexander von Bernus konnten einige Fragen aus dem Publikum klären und der laue Sommerabend ließ uns noch einige Stunden im Freien der Stiftsgastronomie verbleiben.

dsc_0063-495.jpg
Stift Neuburg
X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X X