Mensch und Vogel – eine uralte Beziehung

Der Schneider von Ulm

„Bischof, ich kann fliegen“,
sagte der Schneider zum Bischof.
„Pass’ auf, wie ich’s mach’!“
Und er stieg mit so ‘nen Dingen,
die aussahn wie Schwingen
auf das große, große Kirchendach. …

(Bertold Brecht)

Was ist es, was den Menschen von alters her mit dem Vogel verbindet? Ist es der Traum vom Fliegen? Ist es die Ästhetik der Flugbewegung, das Gesangsrepertoire der Vögel, die Schönheit ihres Gefieders? Welches Geheimnis umgibt sie…?

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Hans-Martin Gäng
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Hans-Martin Gäng unternahm in seinem neuen Projekt „Vögel in Darstellungen der europäischen Kunst“ eine Zeitreise durch die Menschheitsgeschichte und belegte in seinem Vortrag anhand von zahlreichen zwei- und dreidimensionalen Vogeldarstellungen die uralte Beziehung von Mensch und Vogel, von der Eiszeit bis heute.

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Alpenschneehuhn auf einem Rentiergeweih, Isturitzhöhle/Pyrenäen, ca. 32 000 Jahre alt, Exponat der diesjährigen Ausstellung „Ice Age art“ im British Museum/London. Gemälde: Alpenschneehuhn, Archibald Thorburn, 1902
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Die riesige Vogelschar der Kunstgeschichte gruppierte Hans-Martin Gäng in Themenbereiche. Da gibt es zum Beispiel den Vogel in Mythos und Religion. Schamanen tragen Vogelmasken und Federschmuck bei ihren Zeremonien. In der Höhle von Lascaux, am Abstieg zum Brunnen, entdeckte man eine rätselhafte Szene mit mythologischem Bezug, in der unter anderem ein Mann mit Vogelkopf und ein Gegenstand mit einem Vogel und zu erkennen sind.

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Frühe steinzeitliche Darstellung in der Höhle von Lascaux
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Gänse von Meidum (Ausschnitt)
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Eine etwa 3500 Jahre alte ägyptische Darstellung zeigt naturgetreue Abbildungen von Rothalsgänsen in der Meidum-Grabstätte der Itet, Gemahlin des Nefermaat, der Wesir des ägyptischen Köngs Snofru war.

Geflügelte Fabelwesen bevölkern die griechische Mythologie. Auf Vasen und Mosaiken findet man Harpyien, weibliche Gestalten mit Flügeln und Vogelkrallen, die die Sturmwinde verkörpern - oder die stymphalischen Vögel, gefährliche Ungeheuer aus Eisen, deren Vertreibung eine der zwölf Herkulesaufgaben war.

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Oberrheinischer Meister, Das Paradiesgärtlein, 1410/20
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Der Vogel ist Bedeutungsträger. Ob Adler, Rabe oder Schwan, Pelikan, Pfau oder Hahn – sie alle versinnbildlichen menschliche Eigenschaften, Tugenden und Laster. Doch so einfach ist die Zuordnung nicht. Oft gibt es mehrere oder widersprüchliche Deutungen, die man erst im Kontext des Bildes verstehen kann.

Das mittelalterliche „Paradiesgärtlein“, kann man als eingefriedeten Lust- und Nutzgarten sehen, auf dessen Zinnen sich Wiedehopf, Eisvogel, Blaumeise, Gimpel und Pirol tummeln. Hier scheint die Welt in Ordnung zu sein. Würde man Fledermäusen, einem Uhu oder Raben begegnen, wäre man gewarnt.

Geht es um Allegorien, denkt man gerne an die originellen Portraits von Guiseppe Arcimboldo. Der Renaissencemaler schuf ein Luftbild, das sich aus einem Vogelschwarm zusammensetzt.

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Guiseppe Arcimboldo, Die Luft, 1566
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Joseph Wright of Derby, Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe, 1768
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Neben symbolischen Vogeldarstellungen zeigte Hans-Martin Gäng auch wissenschaftliche Versuchsanordnungen, wie sie Joseph Wright of Derby in einem seiner Nachtbilder erstmals inszenierte.

Es folgten Jagdszenen und Beispiele aus dem Falkenbuch von Kaiser Friedrich II, Vögel in der Heidelberger Liederhandschrift Codex Manesse und Vögel als Wappentiere… eine Vielfalt an Darstellungen und Interpretationen quer durch die Jahrhunderte!

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René Magritte, La grande famille, 1961
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Kenntnisreich und humorvoll servierte Hans-Martin Gäng seine Vogelgeschichten, das Publikum im vollbesetzten Saal des Bürgerhauses war begeistert – ob jetzt noch jemand unbefangen eine Ausstellung besuchen kann, ohne einen leisen Flügelschlag zu hören…?

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Pablo Picasso, Colombe Bleue, 1961
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