Gemeinderatssitzung am 17.11.2009

Am 17. November sollen die Gemeinderäte entscheiden, ob das Heidelberger Kulturgut Wolfsbrunnen in Erbpacht verkauft wird oder in den Händen der Stadt bleibt. Dazu schrieb die Rhein-Neckar-Zeitung in der Samstagsausgabe vom 7. November folgenden Artikel:

verkaufsgegner-hoffen-auf-den-gemeinderat-2009-11-07.pdf

Die Gemeinderatssitzung im Rathaus am 17. November ist öffentlich und beginnt um 18.00 Uhr! Über großes Publikum freuen wir uns!

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Im November, aber auch schon im Oktober, appellierte der Freundeskreis Wolfsbrunnen e.V. mit einem Brief an den OB und die Gemeinderäte. Beide Briefe veröffentlichen wir hier:

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Heidelberg 08-11-09

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Würzner,
sehr geehrte Damen und Herren Gemeinderäte,

Entrée:
Der Wolfsbrunnen ist ein Ort der Heidelberg Stadt- und Kulturgeschichte. Sie begann spätestens 1550, als Friedrich II. sich an diesem Ort ein Jagd- und Lusthaus erbauen ließ, wurde fortgesetzt unter Friedrich V., dokumentiert in den bekannten Merian Stichen mit geselligen Szenen am Wolfsbrunnen aus dem Jahre 1618. Die Heidelberger Romantiker besuchten um 1800 den Ort inmitten der Natur und mit der traditionsreichen Gaststätte am Wolfsbrunnen und nahmen Anregungen für ihr literarisches Schaffen mit nach Hause. Hundert Jahre später, in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, erlebte der Wolfsbrunnen abermals eine Hoch-Zeit mit Gästen der Universität und Schriftstellern wie z.B. Carl Zuckmayer.
Kurzum: es ist ein Ort der kulturellen Geschichte unserer Stadt, den es nicht nur in seiner baulichen Gestalt zu erhalten gilt, sondern dessen kulturelle Tradition gepflegt und in vielfältiger Form fortgeführt werden muß – hierzu sind wir alle verpflichtet.

Die Zeit drängt: am Di, 17. November, soll der Gemeinderat über die Zukunft des Wolfsbrunnens entscheiden.
Zur Entscheidungsfindung möchten wir noch einige Überlegungen, Fakten, Bausteine, aber auch Fragen liefern - ungeordnet.

1.
Der Freundeskreis besteht nicht auf einer monatlichen Nutzung des Saales für kulturelle Veranstaltungen wie es im Beschluß des Kulturausschußes formuliert ist. Wir vertreten die Meinung, daß ein Verein nicht mit einem Alleinvertretungsanspruch die Verantwortung über die kulturelle Ausgestaltung dieses historischen Ortes übernehmen kann – dies ist die hoheitliche und fürsorgende Aufgabe der Stadtspitze und des Gemeinderates. Und auch nur auf diesem Wege ist die Nutzung von Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen oder Präsentationen in einem Pachtvertrag festzusetzen.

2.
Warum wurde nach dem Nichtzustandekommen eines Pachtvertrages mit Herrn Schönmehl im Herbst 08 die Pacht nicht ausgeschrieben? Bis heute gibt es nach dem Weggang von Herrn Rich im Dezember 2007 keine öffentliche Ausschreibung für die Verpachtung der Gaststätte Wolfsbrunnen.

3.
Die erste Ausschreibung auf der Basis des Erbbaurechtes erfolgte ohne Beratungen in den Ausschüssen und im Gemeinderat. Erst nach dem Scheitern der Verhandlungen mit den einzigen ‚ernst zu nehmenden’ Bewerbern und dem Votum des Bezirksbeirates Schlierbach gegen einen Verkauf des Hauses wurde von Mai bis Anfang Juli in gemeinsamen Sitzung mit Vertretern des Freundeskreises und den beteiligten Ämtern unter der Federführung von Herrn Bürgermeister Dr. Gerner nach Lösungen gesucht. Ein ins Spiel gebrachtes Stiftungsmodell mit Betreibergesellschaft, in der Stadt und Stiftung gemeinsam die Verantwortung für den Wolfsbrunnen tragen sollten, wurde vom Kämmereiamt als nicht mit der Gemeindeordnung für Baden-Württemberg vereinbar beurteilt. Andere Modelle wurden im Anschluß nicht mehr verfolgt.

4.
Warum kamen von Seiten der Verwaltung keine Vorschläge, wie und mit welchem Instrumentarium des Kommunalrechts man zu einer Lösung kommen kann, in der sowohl die Stadt als auch der engagierte Bürger einvernehmlich und verantwortungsbewusst sich um die Zukunft des Wolfsbrunnens kümmern?

5.
Die Aktivitäten des Freundeskreises Wolfsbrunnen liegen in der Sicherung, Pflege und Entwicklung der Wolfsbrunnen-Anlage, d.h. des Außenraumes. Hierzu laufen seit einiger Zeit Bemühungen, Gelder von Stiftungen (Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Allianz Umweltstiftung) einzuwerben. Diese Möglichkeiten sind bei einer Veräußerung auf der Basis der Erbpacht kaum noch erfolgsversprechend.

6.
Erbbaupacht heißt Verkauf des Hauses.
Damit geht sowohl die Kontrolle über das, was in dem Hause gemacht wird, gegen Null - auch wenn scheinbar vieles im Vertrag zu regeln sei. Dies gilt auch für die kulturellen Gestaltungsmöglichkeiten an diesem Ort – er wird als Ort des kulturellen Gedächtnisses aufgegeben.

7.
Die Sicherung und Pflege eines für die Heidelberger Geschichte bedeutenden Kulturgutes, wie es der Wolfsbrunnen mit Gaststätte und Wiesental ist, darf nicht privatisiert werden.

8.
Will Heidelberg sich nochmals ernsthaft um die Aufnahme in die Liste des Welterbes der UNESCO bewerben, so kann nicht zeitgleich ein Kulturgut zu Markte getragen werden.

9.
Das Thema Wolfsbrunnen kann so lange nicht vom Tisch der politischen Hausaufgaben, so lange nicht eine der Bedeutung des Ortes entsprechende Lösung gefunden wird. In der Zwischenzeit muß die Gaststätte wieder einer Nutzung zugeführt werden – auf kleiner Flamme lässt sich auch Gutes zubereiten.

10.
Eine Alles- oder Nichts- Lösung schadet dem Wolfsbrunnen und kann zu irreversiblen Entwicklungen führen. Daher: lieber an der Sache konzeptionell arbeiten und noch mehr Zeit benötigen, als zu schnell die Akte Wolfsbrunnen schließen.

11.
Fragen, in der Hoffnung auf verantwortungsvolle Antworten: will man den Wolfsbrunnen als Ort der Heidelberger Stadtgeschichte und des kulturellen Lebens erhalten? Will man ihn als Ort eines stimmungsvollen Naturerlebnisses und des Spaziergangs mit anschließender Einkehr bewahren?

12.
Es bedarf einer detaillierten Auflistung der anstehenden Sanierungs- und Instandsetzungskosten – Minimal- und Maximalinvestitionen. Und es bedarf eines gestuften Finanzierungsplanes für eine zukunftsfähige Entwicklung des Wolfsbrunnens.

In der Hoffnung auf eine für den Wolfsbrunnen würdige Entscheidung des Gemeinderates grüßt der Freundeskreis Wolfsbrunnen und wünscht wie immer

Frohes Schaffen

Kathrin Rating
Freundeskreis Wolfsbrunnen e.V.

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Heidelberg 27-10-2009

Sehr geehrte Damen und Herrn Gemeinderäte,

die Wolfsbrunnen-Werkstatt Nr. 8 am 17. Oktober war eine recht feucht-fröhliche: von oben regnete es, die Füße standen beim Teich-Entkrauten im Wasser und trotzdem waren alle Akteure incl. der Mitarbeiter des Landschaftsamtes (vielen Dank!) bester Stimmung und hoffnungsfroh. Getrübt wurde die Stimmung allerdings immer wieder durch Sätze wie:
‚Das darf nicht sein, das mit der Erbbaupacht’ oder
‚Die Fensterläden müssen wieder offen sein’ oder
‚Das Ganze bleibt liegen bis es abgerissen werden muß’ oder
‚Heidelberg erkennt seine kulturellen Schätze nicht’ oder, oder….!
Aber es gab auch Ausrufe wie: ‚Dieser Ort ist ein ganz besonderer, hört einmal!’ und ‚Dieses Kulturgut muß im Besitz der Stadt, im Besitz der Heidelberger Bürger bleiben.’

Unsere Sorge um den Wolfsbrunnen ist groß. Die Zeit heilt nicht nur Wunden, sie kann auch zu irreversiblen Schäden führen: Der Leerstand von nun bald 2 Jahren hat seine Spuren hinterlassen, die Schäden nehmen exponential zu. Ziel muß sein, das Gebäude schnellstmöglich wieder gastronomisch zu nutzen. Die dafür notwendigen Vorleistungen sind von der Stadt zu erbringen, so wie es vor zwei Jahren durch die Bereitstellung von Sanierungsgeldern auf den Weg gebracht wurde.
Der Freundeskreis Wolfsbrunnen fordert nach wie vor den Verbleib im Besitz und Eigentum der Stadt Heidelberg und eine rasche Verpachtung der Gaststätte mit einem Konzept, das ein realistisches Maß an Umsetzbarkeit besitzt. Darüber hinaus gehende Forderungen, wie z.B. eine monatliche Nutzung des Jetta-Saals für kulturelle Veranstaltungen stellen wir vorerst nicht auf. Wir haben Bedenken, ob das der Sache dient, schnell einen Pächter zu finden. Wir vertrauen auf die Überzeugungskraft unseres Engagements und wünschen uns eine für beide Seiten gewinnbringende Kooperation mit dem neuen Pächter.

Nun noch einige Anmerkungen zum Thema Kosten:
Wir sind keine Betriebs-, Volks- oder Gastwirte. Dennoch erscheint es uns wenig logisch zu erwarten, dass ein Erbbaupächter 1,7 Mill.€ in diesen Ort investiert, dessen Wert in erster Linie ein kultureller und naturräumlicher ist. Eine ortsübliche Rendite ist hier nur durch eine massive Ausnutzung des Geländes zu erzielen – und dies ist gleichbedeutend mit der Zerstörung dieses Kulturgutes.
Wenn im kommunalen Alltagsgeschehen die Investitionssumme von 1,7 Mill.€ die Runde macht, dann ist dies für uns ein ‚Totschlag-Argument’, denn wer kann hier und jetzt und heute mal so locker Millionen bereitstellen.

Es ist höchste Zeit, ein Stufenkonzept zu erarbeiten, um die notwendigen Gelder in den kommenden Jahren nach und nach abzurufen bei gleichzeitiger In-Betriebnahme der Gaststätte auf kleinster Flamme in 2010.
Herr Ulrich Wienker, Schlierbacher Bürger, hat sich genau mit diesem Thema auseinander gesetzt und uns freundlicherweise seine Ideen zur Verfügung gestellt. Wir wollen sie an Sie als Anregung und ohne Kommentar weiterreichen. Falls Bedarf nach mehr Informationsaustausch besteht, möchten wir Sie bitten, sich direkt mit ihm in Verbindung zu setzen*.

Zum Abschluß bleibt die Bitte des Freundeskreises Wolfsbrunnen, dem Antrag auf Neuausschreibung zur Vergabe des Anwesens als Erbbaurecht abzulehnen.

Mit dem Motto der Denkmalpflege ‚Machen Sie’s dem Alten leichter, damit Vergangenheit Zukunft hat’ schließe ich hoffnungsvoll und wünsche wie immer

Frohes Schaffen

Kathrin Rating
Freundeskreis Wolfsbrunnen e.V.
Der Verein mit dem besonderen Engagement

* Die Ideen und Skizzen von Herrn Wienker sowie seine Kontaktadresse erhielten die Gemeindräte zusammen mit dem Brief per Post.

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